Was soziale Initiativen in der Corona-Krise bewegt – wir haben nachgefragt

Erstellt von startsocial am

In der Krise kommt es auf die Zivilgesellschaft an – das hat sich 2015/2016 gezeigt, als in Windeseile Geflüchtete durch ehrenamtliches Engagement unterstützt wurden. Und es zeigt sich jetzt in der Corona-Krise, in der ehrenamtliche Initiativen schnell und kreativ helfen.

Aber wie geht es eigentlich den Initiativen selbst, die in ihrer Arbeit auch vor besonderen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie stehen – sei es durch finanzielle Einbußen oder dadurch, dass sie durch Kontaktsperren und geschlossene Einrichtungen ihre Arbeit nicht wie gewohnt machen können. Wir haben Mitte April unsere Stipendiaten und Alumni-Projekte befragt und interessante Antworten erhalten.

172 Initiativen haben an der Umfrage teilgenommen. Die Antworten geben ein Stimmungsbild der derzeitigen Situation wieder und zeigen auf, worin die größten Herausforderungen bestehen und wo Initiativen sich Unterstützung wünschen.

Zunächst zu den schlechten Nachrichten: Über zwei Drittel der Initiativen konnten während des Lockdowns nur eingeschränkt oder sogar gar nicht arbeiten. Auch finanziell stellt die Corona-Krise eine große Herausforderung für soziale Initiativen dar: Ein Drittel gibt sogar an, durch fehlende finanzielle Mittel existenziell bedroht zu sein. Die Hauptgründe für diese Einbußen sind fehlende Einnahmen aus Veranstaltungen, fehlende Fördermittel, geringere Unterstützung durch Unternehmen sowie weniger Spenden. Die Hälfte der Befragten sagt beispielsweise, geringe bis erhebliche Einbußen bei Spendeneinnahmen zu haben.

In dieser Situation erhoffen sich die Initiativen vor allem Folgendes: Finanzielle Förderung, Unterstützung bei Weiterbildung in den Bereichen Digitalisierung und Fundraising sowie öffentliche Aufmerksamkeit für die Relevanz ihrer Arbeit. Eine Engagierte bringt es so auf den Punkt: „Wir wünschen uns, dass unsere erweiterten Aktivitäten wahrgenommen werden und es allen noch mehr bewusst wird, dass eigentlich immer, aber gerade in Krisenzeiten, das Ehrenamt eine Bank ist, auf die man sich verlassen kann.“

Auf der anderen Seite kann dieses Ehrenamt auch nicht ohne finanzielle Sicherheit arbeiten. Daher der Wunsch an die Politik: „Maximale Flexibilität bei der Umwidmung von Fördermitteln, gegebenenfalls Aufstockung bei nicht Erreichen des Eigenmittelanteils, unbürokratische Projektverlängerung in 2021; noch besser: Ende der ‚Projektitis‘ und stattdessen eine degressive finanzielle Unterstützung unserer regulären Arbeit, damit wir nicht nur 2020 überleben, sondern uns 2021 erholen und neu aufstellen können.“ Manche Initiativen haben den Eindruck, bei der staatlichen Förderung durchs Raster zu fallen: „Wir fühlen uns, neben Musikern und Kulturschaffenden, als letztes Glied in der Kette und fühlen uns vergessen und allein gelassen. Die meisten Rettungspakete greifen bei uns nicht und bieten uns somit kaum Möglichkeiten zu überleben.“

Es gibt natürlich die Befürchtung, dass auch nach der Pandemie durch die langfristigen Effekte auf die Wirtschaft das Arbeiten beeinträchtigt sein wird. So äußert eine Projektverantwortliche sorgenvoll: „Wir wissen derzeit nicht, wann die Freiwilligeneinsätze wieder stattfinden können und wie stark die Wirtschaft langfristig betroffen sein wird. Gibt es dann überhaupt noch Budgets für CSR /…/ bei den Unternehmen? Wie lange wird es dauern, bis wir wieder so ‚wirbeln‘ können wie bisher?“

Aber es gibt auch erfreuliche Ergebnisse unserer Umfrage: 80 Prozent derjenigen Initiativen, die weiterarbeiten, haben ihr Angebot bereits umgestellt und an die neuen Bedingungen angepasst oder planen eine Umstellung. Es wurde sehr flexibel und kreativ auf die Einschränkungen reagiert – sei es durch digitale Angebote oder ganz neue eigene Projekte oder die Unterstützung von anderen Organisationen.

Eine weitere ermutigende Botschaft: Die Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren, ist ungebrochen und teilweise sogar gestiegen. Das gibt Zuversicht: „Es macht uns sehr dankbar und demütig, wie viel ungebrochene Unterstützung wir erfahren. Das bestärkt und ermutigt uns, auch neue, der Krise angepasste Wege zu gehen. Es ist eine Herausforderung, die wir gemeinsam mit allen unseren Ehrenamtlichen meistern werden.“

Bei allen Herausforderungen äußern viele Engagierte auch die Hoffnung, dass sie gestärkt aus der Krise hervorgehen: „Die Corona-Krise hat zunächst ein ziemlich plötzliches Ende all unserer gemeinschaftlichen Aktivitäten bedeutet. Doch jetzt langsam kommen ganz andere Talente und Fähigkeiten zum Vorschein und werden der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt. Unser Motto: ‚Nützlich sein – gebraucht werden – zusammenhalten‘ kommt voll und ganz zum Tragen und gewinnt neue Bedeutung.“  

Es zeigt sich insgesamt jedoch deutlich: Auch Akteure der Zivilgesellschaft sind durch die Folgen der Corona-Pandemie in ihrer Arbeit und teilweise in ihrer Existenz massiv bedroht. Auch ehrenamtliches Engagement braucht daher zusätzliche Unterstützung – in Form von Weiterbildungsmöglichkeiten und Beratung aber vor allem auch durch finanzielle Förderung.

Dr. Sunniva Engelbrecht, geschäftsführender Vorstand von startsocial e.V.: „Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, Initiativen im Stich zu lassen, die gerade jetzt eine unverzichtbare Arbeit leisten! Hier sind alle gefragt: Gemeinnützige Förderinstitutionen, Unternehmen und auch der Staat.“