Digitale Lernförderung? Kein Problem!

Der Verein „Tausche Bildung für Wohnen e.V.“ hat sich ein Tauschprinzip überlegt, das auf einen Schlag viele gesellschaftliche und drängende Probleme angeht. So richtet sich „Tausche Bildung für Wohnen“ an engagierte junge Menschen – zum Beispiel Studierende –, die im Tausch gegen mietfreien Wohnraum, als „Bildungspaten“ aktiv werden und Kinder aus benachteiligten Stadtteilen mit Lernförderung unterstützen.

Die Lernförderung wird an zwei Standorten in Duisburg-Marxloh und Gelsenkirchen-Ückendorf angeboten. In beiden Stadtteilen herrscht relativ viel Wohnungsleerstand. Deshalb sorgt der Verein mit der Anmietung von Wohnungen für die vereinseigenen WGs auch für Zuzug und Diversität im Stadtteil. Zudem leben die Familien dort oft unter eher schwierigen sozioökonomischen Bedingungen – für teure Nachhilfestunden oder sonstige Förderung fehlt oft das Geld.

Und da kommen die Bildungspaten ins Spiel: So zum Beispiel Sara, die seit Oktober für den Verein tätig ist und einen Bundesfreiwilligendienst macht. Sara und ihre Kollegen unterstützen vormittags Kinder in den umliegenden Schulen und machen nachmittags in Kleingruppen Sprach- und ganzheitliche Lernförderung sowie Freizeit- und Ferienbetreuung. Sara erzählt, dass sie ohne die Arbeit im Verein wohl nicht nach Marxloh gezogen wäre. Schon gar nicht ganz allein. Durch das WG-Konzept des Vereins habe sie aber zwei tolle Mitbewohner, mit denen sie sich sehr gut versteht.

Von der WG ist es für Sara nicht weit zur „Tauschbar“. So nennen sich die Orte, an denen sich die Bildungspaten mit den Kindern zum Lernen und Spielen treffen.

Der Ausbruch des Coronavirus stellte die Lernförderung komplett auf den Kopf. Persönliche Treffen in den Tauschbars waren plötzlich nicht mehr möglich. Für Sara und das ganze Team stand zu Beginn der Coronakrise sofort fest, dass man die Kinder gerade in einer solchen Situation nicht im Stich lassen konnte. Sie wollten ihnen keinesfalls das Gefühl geben, dass sie jetzt vergessen sind. Teammeetings wurden einberufen, Ideen ausgetauscht und schließlich beschlossen, dass die Lernförderung nun digital stattfinden soll.

Gesagt, getan. Seit mehreren Wochen findet die Lernförderung über „Zoom“ statt. Sara erzählt von den vielen Möglichkeiten: der Arbeit mit einem Whiteboard, bunten Malstiften und geteilten Screens, um etwas zu zeigen. Auf dem Instagram-Profil sind eindrucksvolle Bilder von der Online-Lernförderung zu finden.

Sara, die gar keinen Laptop besaß und nicht sonderlich an digitalen Tools interessiert war, ist mittlerweile eine begeisterte Nutzerin diverser digitaler Kommunikationsmittel und macht digitale Lernförderung! Und auch mit den Teamkolleginnen und -kollegen kommuniziert sie nun regelmäßig per Zoom. „Das dachte anfangs niemand“, stellt sie lachend fest. Ein wirklicher Mutmacher!

„Man musste sich mit Dingen befassen, mit denen man sich vorher nicht befasst hat und lernen, mit digitalen Medien umzugehen. Das war und ist zum Teil sehr stressig und chaotisch. Aber meine Erfahrung ist, dass sich all der Stress und all das Chaos legt und man seinen eigenen Weg findet und daraus lernen kann. Man kann über sich hinauswachsen. Aus dem Anfänglichen ‚ich möchte das nicht‘ wurde ‚hey, ich kann mit der und der App arbeiten und kann digitale Lernförderung gestalten‘. Das ist doch das Schönste: Aus einer aussichtslosen Situation etwas total Tolles zu machen.“

Die Arbeit, so findet Sara, ist zum Teil sogar noch persönlicher geworden. So lerne sie die Eltern besser kennen, die ja oft auch zu Hause sind und die Lernförderung so viel besser mitbekommen. Neulich, erzählt Sara, bei der Lernförderung mit einem Jungen saßen plötzlich alle drei Geschwister vor dem Computer und haben gemeinsam gelernt. Oder – ein anderes Mal – haben sich zwei befreundete Kinder bei ihr in der Video-Lernförderung seit langem einmal wiedergesehen und sich tierisch darüber gefreut.

Für Sara ist die Arbeit für „Tausche Bildung für Wohnen“ eine Herzensangelegenheit. Die Kinder nennt sie „meine Kinder“. Neben den Schulaufgaben und der Lernförderung lernt sie die Kinder sehr gut kennen. Es wird gequatscht, gespielt und viel gelacht.

„Ich habe gestern mit zwei Geschwistern telefoniert und die eine wollte gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Am Ende hat die Mama dann nochmal den Hörer genommen und gesagt, wie sehr sie uns lieb hat, wie dankbar und wie glücklich sie ist, dass wir da sind. Ich habe der Mutter gesagt, dass ich es total toll finde, dass sie so dankbar ist, aber dass ich genauso dankbar für die Kinder bin. Man weiß einfach, dass man das Richtige macht. Selbst, wenn es nur für ein Telefonat ist, nur für die Lernförderung. Das ist immer dieses ‚nur‘, was eigentlich so viel mehr beinhaltet.“

Sich digital zu sehen, ist nicht das Gleiche, und alle freuen sich auf die Zeit, in der man wieder in einem Raum zusammen sein kann. Aber Sara und ihre Kolleginnen und Kollegen bleiben mit den Kids in Kontakt, lernen weiter mit ihnen und machen so deutlich: Wir haben euch nicht vergessen!

In diesem Bewerbungsformular können sich Interessierte schon jetzt für einen Bundesfreiwilligendienst im nächsten Schuljahr bei Tausche Bildung für Wohnen e.V. bewerben.