Einblick in die Entstehungsgeschichte des Stipendiatenprojekts ROCK YOUR LIFE!

Impulsvortrag von Elisabeth Hahnke beim startsocial Stipendiatentag am 17.01.2020

Hallo! Mein Name ist Elisabeth. Ich bin in Berlin Hellersdorf im Plattenbau aufgewachsen. Ich komme nicht aus wohlhabenden Verhältnissen, ich komme aber aus liebevollen Verhältnissen. Meine Eltern waren meine Brücke in eine andere Welt. Wenn es nach unserer Gesellschaft gegangen wäre, hätte ich nie eine Universität von innen gesehen. Zum Glück ging es nach mir.

Ich habe meinen Master an der privaten Zeppelin Universität gemacht und das Studium zur Hälfte mit einem Stipendium und zur anderen Hälfte mit einem Kredit finanziert. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mühsam meine Tränen zurückgehalten habe, als ich meinen 10.000 Euro Kreditvertrag unterschrieben habe, weil ich Angst hatte, dieses Geld nie zurückzahlen zu können.

Es gibt so viele Unterschiede zwischen Studierenden aus Nicht-Akademiker-Familien und Studierenden aus Akademiker-Familien. Für jemanden aus einem Nicht-Akademiker-Hintergrund ist das Studium etwas, dass man sich wortwörtlich verdienen muss: Durch gute Noten, durch Nebenjobs, durch Ehrgeiz und auch durch Anpassung. Denn irgendetwas ist immer ein bisschen schief: die Art wie man denkt, die Art wie man sich fühlt, die Art wie man sich kleidet, die Art wie man geht und steht und schaut und tut… In einem Umfeld voll junger, wohlhabender Privatstudierender ist mir erst aufgefallen, wie anders ich war und welchen Einfluss Herkunft auf Zukunft hat.

Ich habe mich deswegen während meines Studiums mit Bildungsbiografien auseinandergesetzt, Studien gelesen, in denen beschrieben wird, wie Lehrer*innen Schüler*innen aus dem eigenen Milieu bevorzugen, welchen Einfluss fremdklingende Namen darauf haben, ob man zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, und wie durch unser Schulsystem und unsere Schulkultur schon im Kindesalter selektiert wird: Du kommst rein, Du nicht. Du darfst mitmachen beim großen Spiel um die besten Plätze in unserer Gesellschaft, Du nicht.

An meiner feinen Privatuniversität stand ich zwischen den Stühlen: Soll ich die soziale Karriereleiter weiter nach oben klettern und einen möglichst großen Abstand zwischen mir und dem Plattenbau schaffen? Oder sollte ich wieder zurück in den Plattenbau und etwas aufbauen, dass für viele Jugendliche eine Brücke in eine andere Welt sein kann.

Das war schwer, denn mein Kopf wollte zu McKinsey und mein Herz wollte in den Plattenbau. Zum Glück ging es nicht nach meinem Kopf und zum Glück hatte ich eine wundervolle Mentorin und einen wundervollen Mentor. Die eine hat zu mir gesagt: „Elisabeth, Du kletterst die soziale Karriereleiter hoch, aber Deine Leiter steht an der falschen Wand.“ Der andere hat zu mir gesagt: „Frau Hahnke, gründen Sie ein Sozialunternehmen, machen Sie etwas mit Schüler*innen. Sie lieben das.“

Ich bin meinem Herzen gefolgt und mein Herz hat eine Vision: Nämlich an einer Gesellschaft mitzuwirken, in der jeder Mensch sein Potenzial entfalten kann – unabhängig von seiner Herkunft. Eine Gesellschaft, in der wir nicht Gräben, sondern Brücken für einander sind.

Wenige Wochen später stand ich mit meinen studentischen Mitstreiter*innen vor dem ehemaligen Finanzminister Peer Steinbrück in Berlin. Der saß im Designeranzug, mit Seidentuch, umringt von seinem Pressesprecher und seinen Bodyguards vor uns und sah recht gelangweilt aus. Und ich erzählte ihm davon, wie wir durch Mentoring Jugendliche aus Brennpunktschulen unterstützen wollen, ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu erschaffen. Eine einfache Idee: ein Studierender, ein Jugendlicher, eine Begleitung auf Augenhöhe. Und Herr Steinbrück sagte: „Das funktioniert nicht. Da trifft Porsche auf Trabi.“

11 Jahre später wird unser Programm an 52 Standorten in drei Ländern umgesetzt. 200.000 Stunden ehrenamtliches Engagement setzen unsere Studierenden jährlich ein. 8297 Studierende haben sich seit der Gründung für ROCK YOUR LIFE! engagiert und 6855 Mentoring-Paare wurden gebildet. Mit unseren Programmen helfen wir Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihre Kraft zu kommen, egal wie die äußeren Rahmenbedingungen gerade sind.

„In die Kraft kommen“, das bedeutet für uns: Herausfinden wer Du ganz wesentlich bist, und Dich trauen, Dein Wesen auch zu leben. Dazu gehört die Kenntnis der eigenen Stärken und natürlichen Begabungen, genauso wie das Hinspüren zu den Träumen und Visionen, das Bewusstwerden über die Interessen und Werte, aber auch der konstruktive und liebevolle Umgang mit Hindernissen, Herausforderungen und Konflikten. Potenzialentfaltung ist Werden und Wachsen eines Menschen aus seinem eigenen Sein heraus. Und ich glaube daran, dass jeder Mensch ein einzigartiges Potenzial hat. Oft fehlen mir die Worte, für das, was sich in meinem Leben verändert hat und für das, was ich an Wandel bei anderen beobachten durfte.

Ich habe vor einigen Jahren ein Training in einer sogenannten Brennpunktschule gehalten. Die Lehrerinnen haben zu mir gesagt, dass es sich nicht lohnt mit dieser Klasse zu arbeiten, weil die so daneben sind, das sich kein Lehrer mehr trauen würde dort allein zu unterrichten, und sie einfach nur froh wären, wenn die Klasse die Schule verlässt. Ich bin mutigen Herzens in die Höhle der Löwen gegangen. Die Kids waren unglaublich. Unglaublich aktiv, unglaublich energiegeladen, unglaublich verrückt. Jugendliche, die über und unter die Stühle gefallen sind, Schimpfworte, die sie sich an die Köpfe knallten und ich mittendrin mit meiner Potenzialentfaltung. Wir haben eine Übung gemacht, in der sie nahen Menschen eine WhatsApp schreiben und nach den eigenen Talenten fragen sollten. Das geht ungefähr so: „Hallo Du, sitze in einem komischen Training und soll Dir schreiben, was ich für Talente hab. Danke.“ Plötzlich begann ein Mädchen zu weinen und ihre Freundinnen sind ganz aufgeregt um sie herumgeschwirrt. Das war einer dieser Momente, in denen ich wirklich existenziell an mir und meinen Ideen gezweifelt habe. „Meine Güte, Elisabeth, was hast Du angestellt mit Deiner blöden Übung? Jetzt hat ihr irgendwer geschrieben, dass sie nichts kann.“ Ich bahnte mir mit klopfendem Herzen meinen Weg durch die Masse der Mädels. Eine der Freundinnen schaute mich an und rief aufgeregt: „Elisabeth, Elisabeth! Sie weint! Weil ihre Mutter hat ihr geschrieben!“ Mein Herz rutschte in die Hose. „Elisabeth, Elisabeth, ihre Mutter hat ihr geschrieben, DASS SIE SIE LIEBT! Das hat sie ihr noch nie gesagt!!!“

Kein Graben. Eine Brücke.

Solche Geschichten wird man in keiner Zahl und in keiner Impact-Messung finden und solche Geschichten passen auch in keinen Instagram-Post. Solche Geschichten passen nur ins Herz. Mein Herz ist so voll von diesen Momenten und ich bin mir sicher Eure Herzen auch.

Wir reden in unserer Branche von Skalierung, von Professionalisierung, von Strukturen, von Social Media-Strategien. Und das ist auch alles berechtigt, weil es unsere mehr oder weniger wackeligen Brücken stärker macht. Aber die wirkliche Transformation geht vom Einzelnen aus, der über eine Brücke geht. Wandel geschieht oftmals so unscheinbar.

Wir, in diesem Raum, sind alle Brückenbauer*innen. Wir bauen Brücken in eine neue Welt, eine Welt, die für alle da ist. Ich möchte, starke Brücken bauen, sichere Brücken. Brücken, über die man gerne geht. Und dazu brauche ich selbst starke Brücken, die mir andere bauen und über die ich leicht gehen kann. So wie hier, wie bei startsocial.

Danke fürs Brückenbauen.

Elisabeth Hahnke
Mit-Gründerin und Mit-Geschäftsführerin von ROCK YOUR LIFE! und seit über einer Dekade Potenzialentfalterin und Coach

Foto Markus Puettmann

Elisabeth hat ROCK YOUR LIFE! zusammen mit Stefan Schabernak 2008 ins Leben gerufen. Nach ihrer Zeit als Geschäftsführerin war sie weiterhin ein Teil von ROCK YOUR LIFE! u.a. als Leiterin der Trainerausbildung. Nun ist sie wieder zurück als Geschäftsführerin und trägt mit viel Liebe und viel Energie die Vision von ROCK YOUR LIFE! noch weiter hinaus in die Welt.

ROCK YOUR LIFE! ist ein Netzwerk aus ehrenamtlich engagierten Studierenden in 52 Vereinen, motivierten Schüler*innen, verantwortungsvollen Unternehmen und der ROCK YOUR LIFE! gGmbH als Dachorganisation, die sich tatkräftig für mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für junge Menschen einsetzen. Mit Eins-zu-Eins-Mentoring-Programmen baut ROCK YOUR LIFE! Brücken zwischen Schüler*innen, Studierenden und Unternehmen.