startsocial – Rückblick auf fast 20 Jahre Hilfe für Helfer

Dr. Sunniva Engelbrecht

Die Geschichte von startsocial lässt sich auch als Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik in den vergangenen 20 Jahren erzählen. startsocial ist 2001 im internationalen Jahr der Freiwilligen gegründet worden.

Der Auftrag des damaligen Bundekanzlers Gerhard Schröder lautete, dass sich die deutsche Wirtschaft doch bitte beteiligen möge am Aufbau einer funktionierenden Bürgergesellschaft nach amerikanischem Vorbild. Das Konzept eines Wettbewerbs für soziale Organisationen, unter Federführung des McKinsey Senior Partners Dr. Dieter Düsedau entwickelt, war damals neu und hat die heute allseits geforderte Wirkungsorientierung im sozialen Sektor vorweggenommen. Neu war auch, dass Beratung von einem Sektor, der Wirtschaft, in den dritten Sektor getragen wird. Die Idee von startsocial war, möglichst einfache und überzeugende Ideen zu identifizieren, die dann durch kluge Skalierung und durch die Beratung von Menschen aus der Wirtschaft in der Fläche verbreitet werden sollten.

Wir haben gelernt, dass Engagement in vielen Bereichen so nicht funktioniert. Natürlich hat startsocial eine Vielzahl von hervorragenden Leuchtturmprojekten ans Licht gebracht und es sind belastungsfähige Dachstrukturen entstanden. Gleichzeitig gibt es viele Organisationen, die nach wie vor lokal arbeiten und wirken. Die Beratung, die startsocial damals wie heute vermittelt, richtet sich insbesondere an die Organisationen, die sich aus der Mitte der Gesellschaft gründen und weiterentwickeln. Das sind kleine Vereine und soziale Initiativen, die ohne das Engagement von Freiwilligen nicht funktionieren würden. Dabei entstehen immer wieder Initiativen mit ähnlichen oder sogar identischen Vorhaben. startsocial trägt zur Vernetzung dieser Initiativen bei und bringt Menschen, die ähnliche Anliegen haben, zusammen, damit diese voneinander lernen und das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss. Im startsocial-Alumni-Netzwerk sind mittlerweile über 800 Initiativen miteinander verbunden.

Ehrenamt UND Unternehmertum

Auf halber Strecke, pünktlich zur Finanzkrise wurde der Ruf laut, dass sich diese sozialen Organisationen als Sozialunternehmerinnen und -unternehmer selbst tragen sollten. Das sei möglich durch kluge Businessmodelle oder hybride Organisationsstrukturen. Der Begeisterung folgte schnell die Erkenntnis, dass es für solche Prozesse langen Atem braucht und vor allen Dingen ein gutes Maß an Kooperationsfähigkeit mit gewachsenen Strukturen der Wohlfahrt. Für ehrenamtlich getragene Strukturen heißt es auch heute noch, dass die Abhängigkeit von Spendengeldern groß ist und diese mit konjunkturellen Schwankungen schneller oder weniger schnell zu akquirieren sind.

Bei startsocial versammeln sich auch knapp 20 Jahre nach Gründung nach wie vor viele soziale Organisationen, die eines eint: Sie wollen die Gesellschaft an einer bestimmten Stelle mitgestalten und besser machen. Die Modelle der Finanzierung und der Organisationstrukturen sind vielfältiger geworden – von der klassischen Vereinsstruktur, zu Social Franchise Modellen und hybriden Strukturen mit unterschiedlichen Organisationsteilen, die sich gegenseitig zuarbeiten.

Die Arbeit von startsocial macht auch deutlich, dass Deutschland aufgrund seiner geteilten Geschichte und der föderalen Struktur nach wie vor ein sehr facettenreiches Land ist. Die Engagementkultur ist auf dem Land anders als in der Stadt, im Westen anders als im Osten und bei Jüngeren anders als bei Älteren. startsocial ermöglicht, dass diese verschiedenen Facetten aufeinandertreffen, voneinander lernen und sich so gegenseitig befruchten.

Seit 2015, als durch große Teile der Bevölkerung eine Welle der Hilfsbereitschaft lief, suchen Menschen vermehrt nach Möglichkeiten, an der Gestaltung von Gesellschaft mitzuwirken. Bei startsocial merken wir seitdem einen starken Zuwachs an Unterstützern, die als Juroren im Wettbewerb oder als Coaches in der direkten Beratung unserer Stipendiaten aktiv werden wollen. Wir werten dies als Zeichen dafür, dass Menschen zunehmend das Bedürfnis verspüren, sich unmittelbar wirksam zu engagieren, gerne durch den Einsatz ihrer fachlichen Kompetenzen und beruflichen Erfahrung.

Unternehmensverantwortung UND bedingungsloses Engagement

Eine weitere bemerkenswerte Entwicklung liegt im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen. Nach der Finanzkrise von 2009 haben die Social Development Goals der Vereinten Nationen von 2016 in vielen Unternehmen ein Um- und Weiterdenken angestoßen. Vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen »ihren« Arbeitgeber in kontextueller Verantwortung. Dass gedruckte Nachhaltigkeitsberichte nicht ausreichen, um dieser gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, ist mittlerweile angekommen. startsocial ist in der Zusammenarbeit ein Partner auf Augenhöhe. Dazu gehört, dass die Unternehmensinteressen im Hinblick auf Marketing, Beteiligung und inhaltlicher Lenkung in den Hintergrund treten müssen. Im Fokus stehen die von startsocial vermittelten Stipendiaten und Alumni und deren Anliegen und Bedürfnisse. Dieser Erkenntnisschritt ist nicht einfach zu vollziehen, weil sich der »social return on investment« eines solchen Unternehmensengagements nicht gängigen, unternehmensinternen Kennzahlen zuordnen lässt. Die persönliche Horizonterweiterung, die das Engagement bei startsocial für unsere Unterstützer (Juroren und Coaches) bedeutet, fließt aber direkt in das Unternehmen zurück und trägt dort zu einem Perspektivwechsel und einer besseren Unternehmenskultur bei.

startsocial unterscheidet sich von vielen Angeboten des »employee engagements« in der Frage nach dem »warum?«. startsocial fokussiert sich mit allen Entwicklungen auf die Organisationen, die Unterstützung brauchen. Das liegt in der tiefen Überzeugung und in der langjährigen Erfahrung begründet, dass eine soziale Organisation wenig von einer Beratung profitiert, bei der die Beratenden im Fokus stehen. Allerdings erfahren die Beratenden durch die Beratung der sozialen Organisation eine Horizonterweiterung und einen Perspektivwechsel, die oftmals tiefgreifende persönliche Entwicklungen in Gang setzen. Unsere Evaluation bestätigt diese Beobachtung: In einer Befragung unserer Juroren im vergangenen Durchgang gaben 96 Prozent der befragten Juroren an, dass sie die Aufgabe als sinnstiftend empfinden. Drei Viertel gaben an, sich durch die Tätigkeit als startsocial-Juror persönlich weiterentwickelt zu haben, und die Hälfte der Befragten haben Fähigkeiten erworben, die in die berufliche Arbeit eingebracht werden können.

Analog UND digital

Zuletzt begleitet uns aktuell die Frage, an welcher Stelle wir den Prozess der Vermittlung von Fach- und Führungskräften aus der Wirtschaft in die soziale Projektarbeit noch weiter digitalisieren. Eine Vermittlungsplattform oder gar ein Tinder für das Ehrenamt reicht unseres Erachtens eben nicht aus, um gute Matches hervorzubringen. Ein digitales Tool kann aber sehr wohl relevante Algorithmen abbilden, die den Zuordnungsprozess erleichtern. Nicht wegzudenken sind bei startsocial die analogen Treffen. Einen besonderen Charme hatte in den vergangenen Jahren ohne Frage die Bundespreisverleihung im Bundeskanzleramt. Die Möglichkeit, auf Einladung der Bundeskanzlerin im Bundeskanzleramt Vertreterinnen und Vertreter sozialer Organisationen, CEOs großer DAX-Konzerne, Menschen aus Politik und Verwaltung und nicht zuletzt die Bundeskanzlerin für eine Stunde für die startsocial-Bundespreisverleihung um das Thema Ehrenamt zu sammeln, bildet für den Moment den Möglichkeitshorizont gelungener Co-Kreation ab.

Eine starke Bürgergesellschaft ist die Basis einer gesunden Demokratie. Die Vielfältigkeit von bürgerschaftlichem Engagement ist beeindruckend und braucht Anerkennung. Neben der Anerkennung ist die gemeinsame Förderung von gewachsenen Dachstrukturen im Bereich des ehrenamtlichen Engagements durch die Wirtschaft, die Politik und die Verwaltung erforderlich und sinnvoll. Ehrenamt braucht einen professionellen Rahmen und eine Vernetzungsstruktur, damit es sich zum Wohle aller entwickelt und nicht zum Spielball verschiedener wirtschaftlicher oder politischer Interessen wird.

Dieser Artikel war ein Beitrag für den Newsletter des Bundesnetzwerkes für Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und erschien zuerst am 17.10.2019 unter https://www.b-b-e.de/newsletter/newsletter-nr-21-vom-17102019/

  

Dr. Sunniva Engelbrecht
startsocial e.V., Geschäftsführendes Vorstandsmitglied

Sunniva Engelbrecht ist seit Mai 2009 bei startsocial e.V., seit Anfang 2011 ist sie Vorstand des Vereins. Davor hat sie für das startsocial-Alumniprojekt wellcome gearbeitet und dort ein Programm zur Unterstützung von Familien auf der Kippe zur Überforderung mit entwickelt und umgesetzt. Sunniva Engelbrecht hat mehrere Jahre in der Organisations- und Personalentwicklungsberatung gearbeitet. Sie studierte Psychologie in Osnabrück und hat in Kopenhagen über Burnout promoviert. Mit ihrem Mann und drei Kindern lebt sie seit vielen Jahren in Hamburg. Sunniva Engelbrecht versteht ihre Aufgabe als Brückenbauerin und Vernetzungsagentin.