Wozu brauchen Engel Freiwillige? Einige Grundlagen guter Freiwilligenarbeit

Hannes Jähnert

Das freiwillige Engagement hat viele Dimensionen. Nicht nur die Kompensation von Kosten, die niemand aufbringen kann oder will. Für Freiwillige ist ihr Engagement vor allem eine Spielart demokratischer Teilhabe in Verbindung mit Spaß, Sinn und Gemeinschaft. Soziale Unternehmungen, die freiwilliges Engagement ermöglichen, verankern sich dadurch im Gemeinwesen. Durch das Empowerment zur aktiven Teilhabe gewinnen sie wertvolle Unterstützer und stoßen nachhaltige (weil einvernehmliche) Veränderungsprozesse an. Doch ist dieses Empowerment nicht ganz voraussetzungslos. Grundlagen für die Freiwilligenarbeit ist eine gute, integrative Organisation in Verbindung mit konkreter Engagementplanung. 

Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement und Freiwilligenarbeit
Ich will hier von „freiwilligem Engagement“ und „Freiwilligenarbeit“, nicht von „Ehrenamt“ oder „bürgerschaftlichem Engagement“, schreiben. Das ist mir wichtig, denn die Begriffe legen unterschiedliche Formen von Teilhabe nahe: 

  • „Ehrenamt“ ist eine sehr traditionelle Bezeichnung für freiwilliges Tun. Viele der 23 Mio. Freiwilligen in Deutschland bezeichnen sich selbst als „ehrenamtlich Tätige“ und das mit gutem Grund. Viele übernehmen in ihrem Engagement große Verantwortung und längerfristige Verpflichtungen. Vor allem aber diejenigen, die sich nicht längerfristig binden können oder wollen (v.a. Jugendliche und junge Erwachsene), schreckt diese Form der Teilhabe ab. 
  • „Bürgerschaftliches Engagement“ betont die Selbstorganisation der Bürger, die ein Gemeinwesen erst lebendig macht. Doch auch dieser Begriff hat seine Tücken. Er legt nahe, dass sich nur Bürger für ihr Gemeinwesen engagieren können. Was ist aber beispielsweise mit Menschen mit Migrationshintergrund, ohne deutschen Pass? Auch sie sind Teil des Gemeinwesens und können wichtige Wissensgeber und Multiplikatoren sein. 
  • „Freiwilligenarbeit“ und „freiwilliges Engagement“ werden in Deutschland als Pendant zum englischen „Volunteering“ gebraucht. Sie sind sehr inklusiv; schließen schlicht alle Freiwilligentätigkeiten ein – egal, wo die Engagierten herkommen oder wie viel Zeit sie mitbringen. 

Im Freiwilligen-Survey, einer regelmäßigen Trenderhebung zum freiwilligen Engagement in Deutschland, wird das freiwillige Engagement als freiwillige, unentgeltliche Tätigkeit definiert, die nicht ausschließlich im Bereich der Familie, der Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung ausgeübt wird, Anspruch auf Gemeinnützigkeit erheben kann und nach außen gerichtet in Kooperation mit anderen geleistet wird. Freiwilligenarbeit muss sich dabei nicht zwingend auf das Engagement vor Ort beschränken. Sie kann auch über das Internet von zu Hause, vom Arbeitsrechner oder von unterwegs aus geleistet werden (Online-Volunteering). 

Vier Kriterien guter (Freiwilligen-)Organisation
Bevor es darum gehen kann, Freiwillige für diverse Aufgaben zu suchen, muss zunächst die eigene Organisation in einen ganzheitlichen Blick genommen und bezüglich vier kritischer Kriterien untersucht werden: Offenheit, Transparenz, Integrationsfähigkeit und Responsivität. 

  • Offenheit meint vor allem die explizit formulierte und von allen Mitstreitern getragene Entscheidung für die Arbeit mit Freiwilligen. Gemeint ist aber auch die Offenheit gegenüber deren Interessen und Bedürfnissen. Es sind Organisationen gefragt, die die Anliegen und Bedürfnisse ihrer Unterstützer aufnehmen und lautverstärkend in die (politische) Öffentlichkeit tragen. 
  • Transparent sollten vor allem die Ziele, Entscheidungswege und Rollen in der Organisation sein. Sind diese nicht erkennbar, können Freiwillige eventuelle Kritik nämlich nicht kommunizieren, weil sie nicht wissen, wer dafür zuständig ist. So kommt es schnell zu Spannungen und Frustration, die das Miteinander lähmen. 
  • Integrationsfähigkeit ist die Eigenschaft von Organisationen, ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ihrer Stakeholder zu werden. Geht es doch auch darum, das Commitment einmal gewonnener Fürsprecherinnen und Unterstützer aufrechtzuerhalten. 
  • Responsivität meint ein System permanenter und authentischer Rückmeldung auf Inputs aller Art. Es geht dabei nicht nur darum, „Danke“ zu sagen, es geht um ehrliches Feedback. Im Flow-Modell des amerikanischen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi, das ein Glücks- oder Rauschgefühl bei der Vertiefung in eine Tätigkeit erklärt, stellt die Responsivität einen ganz wesentlichen Faktor guter Arbeitsbedingungen dar. 

Sind diese vier Kriterien guter Organisation erfüllt, kann der nächste Schritt folgen: die Suche nach Freiwilligen. 

Engagements beschreiben und Freiwillige finden
Wer die Unterstützung anderer braucht, sollte sie fragen. Doch muss eben dieses Fragen gut vorbereitet sein. Besonders in den sozialen Medien des Web 2.0 verhallt der unspezifische Ruf nach Unterstützung ebenso schnell wie er tausende Interessierte erreichen kann. Wer Freiwillige sucht, sollte sich sehr genau überlegen, was denn eigentlich wie und warum getan werden soll. Anhand der folgenden fünf Fragen lassen sich Engagementangebote formulieren, die alle wesentlichen Aspekte eines Freiwilligenengagements beinhalten: 

  • Attraktivität: Was macht das freiwillige Engagement für das jeweilige Projekt attraktiv?
  • Ausstattung: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollten Interessierte ganz allgemein mitbringen? Wie viel Zeit sollten sie bereit sein zu investieren?
  • Aufgaben: Was sollen Freiwillige genau tun und welche konkreten Anforderungen ergeben sich aus diesen Aufgaben?
  • Aufwendungen: Was wird den Freiwilligen geboten? (Aufwandsentschädigung, Zertifikate, fachliche Anleitung etc.)
  • Ansprechpartner: An wen können sich (a) Interessierte, die sich auf das Engagementangebot melden, und (b) aktive Freiwillige wenden? 

Sicherlich ist es nicht immer sinnvoll, ein Engagementangebot so umfänglich zu kommunizieren. Auf der eigenen Website oder im eigenen Blog ist das sicherlich möglich. Auch Freiwilligenagenturen möchten in der Regel all diese Fragen beantwortet wissen. Wer aber in seiner Facebook-Community nach Unterstützung sucht, vermeidet besser lange Texte. Hier gilt es, SMART (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert) zu formulieren, was gerade jetzt gebraucht wird. Auch in Zeitungsannoncen oder auf Projektflyern wird nicht der Platz sein, um ein Engagement umfassend zu beschreiben und dennoch ist es sinnvoll, seine Angebote in dieser „Rohform“ vorzuformulieren. So sind von Beginn an alle Fragen geklärt und die Ansprechpartner für Rückfragen gerüstet. 

Aktueller Stand: 2016 (erschienen 2011)

Hannes Jähnert ist Diplom-Sozialpädagoge, ausgebildeter Freiwilligenmanager, freier Mitarbeiter und Dozent der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland und dort auch im Beraterteam Ehrenamt tätig. Er betreibt seit einigen Jahren ein Weblog, in dem er sich regelmäßig mit seinen Schwerpunktthemen Interneteinsatz in der Freiwilligenarbeit, freiwilliges Online-Engagement, Zivilgesellschaft in Zeiten von Social Media und sozialer Geschlechtlichkeit (Gender) beschäftigt. Neben Aktuellem rund um die Online-Freiwilligenarbeit und die Zivilgesellschaft in Zeiten von Social Media finden sich unter www.hannes-jaehnert.de noch viele weitere Links zu Blogs und Tools für die Freiwilligenarbeit.